2. července 2011
Predigt, die während der Heiligen Messe zum Anlass der Vigil der Krönungsfeier vorgetragen wurde.
Liebe Pilger aus Tschechien und aus dem Ausland,
nach einem Jahr versammeln wir uns wieder auf dem Heiligen Berg, am Vorabend der bedeutendsten Feier dieses Wallfahrtsortes, zum Anlass des 279. Jubiläums der Krönung der Gnadenstatue der Muttergottes vom Heiligen Berg.
Der Tradition nach schnitzte der erste Prager Erzbischof Arnošt von Pardubice dieses Gnadenbild. Es handelt sich um kein großartiges Kunststück, es ist jedoch eine Abbildung der Muttergottes, die wirksam wurde. Diese Statue ist tatsächlich gnädig, das heißt dass die Gnaden Gottes durch sie vermittelt werden.
Die Geschichte vom Heiligen Berg fing klein an. Zu ihrem Beginn steht die persönliche Frömmigkeit des Prager Erzbischofs, die allmählich bis zur Größe einer internationalen Wallfahrtsstätte erwächst. Darauf deuten sowohl die große Vergangenheit, derer Höhepunkt die Krönung der Gnadenstatue war, als auch die ermutigende Gegenwart. Es ist genauso wie bei vielen anderen großen Tatsachen. Sie entstehen nicht infolge eines großartigen Projekts, sondern erwachsen aus geringen Anfängen.
Ebenso war es im Leben der Muttergottes. Wenn wir die nicht vielen Nachrichten über Maria in den Evangelien lesen, sehen wir, wie ihre Persönlichkeit wächst. Aus einer einfachen Frau, die sich für eine Magd hält, erwächst eine Königin. Diese Entwicklung können wir auch in manchen Mariengebeten bemerken. Zum Beispiel im Rosenkranzgebet. Wir beginnen bei der Verkündigung, als Maria sich selbst als Magd bezeichnet, und enden wir mit dem Geheimnis, in dem wir über die Krönung der Muttergottes im Himmel nachsinnen.
Das herrliche Gewand, mit dem die Gnadenstatue bekleidet ist, und die reich verzierten Kronen weisen auf die Schönheit derjenigen hin, die die Statue darstellt: auf die Jungfrau Maria.
Die Schönheit gehört zu den Frauen. Seitdem die Welt steht, drehte man sich immer gerne nach einer hübschen Frau um. Was ist eigentlich die Schönheit? Wie können wir die Jungfrau Maria als die wunderschöne Mutter verehren, wenn wir nicht wissen, wie sie aussah? Die Antwort kann uns gerade von der Kunst gegeben werden, die mit der Schönheit arbeitet. Ich bin mir nicht bewusst, dass jemand die Muttergottes als eine hässliche Frau abbilden wollte. Die gotische Kunst bringt herrliche Madonnen mit. Marienbilder aller Epochen, angefangen bei der Antik bis hin zur modernen Kunst, stellten stets das Ideal der Frauenschönheit dar.
Auf dem von Petr Brandl gemalten Bild Mariä Verkündigung, dessen Kopie sich hier, in der Prager Kapelle, befindet, ist die Muttergottes als eine wirklich wunderschöne Frau abgebildet. Und ich hatte für ein paar Jahre unverdientes Glück, mit dem Blick auf dieses Gemälde wach zu werden.
Worin besteht die Schönheit? Diese Frage verlangt sicherlich eine philosophische Antwort. Wenn die Bibel in der Antike ins Griechische übersetzt wurde, drückte der Autor die Qualität der Schöpfung mit einem Wort aus, mit dem die Schönheit im Griechischen bezeichnet wird, wobei man im hebräischen Text liest, dass die Schöpfung gut war.
Jedenfalls ist es offenbar, dass Gott auf die geschöpfte Welt mit Vorliebe schaut. In diesem Fall haben die Adjektive „gut" und „schön" die gleiche Bedeutung. Wenn diese Idee verallgemeinert wird, ist ruhig zu sagen, dass das, was gut ist, auch schön ist.
Zweifelsohne freut sich jeder, wenn über ihn gesagt wird, dass er gut ist. Die Schönheit ist also nicht vor allem mit einem modischen Trend oder mit einem subjektiven Gefühl verbunden, sondern es ist die innere Qualität des Menschen, die als ein erheblicher Bestandteil der Schönheit gilt. Also dass man gut ist. Ein schöner Mensch ist im Sinne der Schöpfung ein guter Mensch. Das bedeutet so ein Mensch, den Gott vorhatte. In der Heiligen Schrift ist zu lesen, was für ein Vorhaben Gott mit dem Menschen hatte: Seid heilig, weil ich heilig bin (Lv 11,44).
Die Jungfrau Maria war ohne Sünde. Sowohl aus der Gnade Gottes, als auch dank ihrer Bemühungen wurde sie zur wahren Eva, wie Gott sie vorhatte. Deshalb singt die Kirche: Maria, du bist ganz herrlich, unbefleckt.
Sehen wir die Muttergottes als eine wunderschöne Frau abgebildet, und so verehren wir sie auch, tun wir es mit Recht, weil sie tatsächlich die schönste aller Frauen ist, die je lebten. Ich weiß nicht, ob sie sich in verschiedenen Schönheitswettbewerben nach unseren Maßstäben platzieren würde. Sie würde allerdings ganz sicher vor Gott bestehen und gewinnen. Ja, sie bestand schon.
Maria war so, wie wir sie kennen, damit wir ihr folgen. Sie ist unsere Fürsprecherin und Helferin, aber auch unser Vorbild. Uns wird ebenfalls eine Chance gegeben, schön zu sein. Sogar ist es unsere Pflicht, uns um die Schönheit zu bemühen. Genauso wie Gott auf die Schöpfung mit Vorliebe schaute, sollte er auch auf uns mit Vorliebe schauen. Egal ob wir dick oder dünn sind, wir werden schön, wenn wir nach dem Vorhaben Gottes leben, das heißt wenn wir gut leben und uns um die Heiligkeit bemühen.
Der Heilige Berg ist nicht die einzige Wallfahrtsstätte in unserem Land. Es gibt Dutzende, vielleicht sogar Hunderte von Wallfahrtsorten: kleine, große, wichtige und weniger bedeutende. Jeder Wallfahrtort verfügt über seine Schönheit und seinen Charme. Wir können über eine bestimmte Wallfahrtsortstopographie sprechen. Die Wallfahrtstätte entstanden an Orten, an denen Gott den Menschen - es scheint so - „besser hörte", an Orten, von denen aus man zu Gott „gut ruft". Diese Vielfalt und die Fülle der Wallfahrtsorte deuten darauf, dass unser Land von Gott gesegnet und geliebt wird. Wir neigen dazu, eher das nicht Gelungene zu sehen, unterschiedliche Schmerzen der Vergangenheit und der Gegenwart tun uns weh, wir klagen über Manches. Die Wirklichkeit ist jedoch anders, viel optimistischer. So viele Wallfahrtsorte, Kirchen, Kapellen, Statuen und Kreuze weisen darauf hin, dass Gott sich um unser Land kümmert, dass er sich für es interessiert, dass er uns, seine Bewohner, gut hört und erhört, wenn wir zu ihm rufen. Die Schönheit, die von unseren Vorfahren fast auf jedem Schritt und Tritt geschaffen wurde, ist ein steinernes Gebet und zugleich ein Zeugnis dafür, dass dieses Gebet erhört wurde.
Die Wallfahrtsorte sind dem üblichen Alltagsleben der Menschen nicht entfernt. Deshalb gehen wir so gerne auf Wallfahrt. Am Wallfahrtsort können wir unseren Kummer Gott, der Muttergottes oder dem Schutzpatron des Ortes anvertrauen. Am Wallfahrtsort erwerben wir Inspiration und Kraft für unseren weiteren Alltag. Die Geschichte der Wallfahrtsorte spiegelt die Ereignisse des Landes wider. Das gilt ebenfalls für den Heiligen Berg. Die Geschichte brachte bedeutende Ereignisse und hinterließ da auch Schrammen. Besonders in der kommunistischen Zeit, als der Heilige Berg ganz nah den Internierungslagern und Gefängnissen lag. Die Lager und Gefängnisse waren voll von Opfern des unmenschlichen Regimes. Der Heilige Berg war eine Sicherheit und Ermutigung für diese Menschen, die sich mit schwierigen Situationen auseinandersetzen mussten. Nachdem sie entlassen worden waren, führten die ersten Schritte vieler von ihnen, mit Dankbarkeit, gerade hierher.
Der Heilige Berg ist auch zurzeit ein bedeutender Wallfahrtsort. Der frühere Apostolische Nuntius in der Tschechischen Republik Kardinal Giovanni Coppa sagte einst, dass Prag der Kopf Tschechiens und der Heilige Berg sein Herz sei. Und so sind wir verpflichtet, die Bemühungen unserer Vorfahren fortzusetzen und uns zu bemühen, dass der Heilige Berg immer ein Ort mit geöffneten Armen ist, ein Ort, an dem man ruhen, eine Inspiration finden und neue Kräfte für sein Leben schöpfen kann. Es ist eine Aufgabe nicht nur für diejenigen, die hier leben oder arbeiten, sondern für jeden von uns. Die Quelle bleibt aufbewahrt, nur wenn wir selbst aus ihr schöpfen.
Haben wir überhaupt eine Chance, dieses zu verwirklichen? Sicherlich ja, ich bin davon überzeugt. Unsere Kräfte sind nicht genügend. Es gibt da allerdings eine entscheidende Hilfe. Gottes Segen steht unseren Bemühungen immer zur Verfügung. Und dazu kommt die Fürbitte der Muttergottes, die so vielmals an diesem Ort zu spüren und nachzuweisen war.
Schließen wir unsere Überlegung mit einem Gebet ab: Muttergottes, wunderschöne Mutter, möge uns dein Vorbild inspirieren. Hilf uns, schöne Menschen zu werden, so dass Gott auf uns mit Vorliebe schauen könnte. Ora pro nobis!
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