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27. června 2006

Wenn ich in meiner Wohnung aus dem Fenster schaue, segne ich Prag und die ganze Erzdiözese

P. Stanislav Přibyl, CSsRDies ist nicht das erste Gespräch mit dem Prager Erzbischof Kardinal Miloslav Vlk, das auf den Seiten dieser Zeitschrift erscheint. Es sind jedoch schon einige Jahre vergangen, seit wir das letzte Mal mit ihm geredet haben. Die Zeiten ändern sich, die Menschen werden älter und reifer, die Meinungen machen eine bestimmte Entwicklung durch und es entstehen neue Impulse, Probleme und Freuden. Es ist also wieder einmal an der Zeit, ein Gespräch mit dem Kardinal zu führen. Über den Heiligen Berg, aber nicht nur über ihn. Auch über die Herausforderungen und Leiden der heutigen Kirche in Prag und Umgebung, über neue Phänomene. Und es war auch an der Zeit, zurückzuschauen und Bilanz zu ziehen.
Dies ist nicht das erste Gespräch mit dem Prager Erzbischof Kardinal Miloslav Vlk, das auf den Seiten dieser Zeitschrift erscheint. Es sind jedoch schon einige Jahre vergangen, seit wir das letzte Mal mit ihm geredet haben. Die Zeiten ändern sich, die Menschen werden älter und reifer, die Meinungen machen eine bestimmte Entwicklung durch und es entstehen neue Impulse, Probleme und Freuden. Es ist also wieder einmal an der Zeit, ein Gespräch mit dem Kardinal zu führen. Über den Heiligen Berg, aber nicht nur über ihn. Auch über die Herausforderungen und Leiden der heutigen Kirche in Prag und Umgebung, über neue Phänomene. Und es war auch an der Zeit, zurückzuschauen und Bilanz zu ziehen.  Herr Kardinal, als wir uns das erste Mal nach meinem Amtsantritt als Pfarrer auf dem Heiligen Berg trafen, sagte ich Ihnen, dass ich möchte, dass aus dem Heiligen Berg ein Wallfahrtsort europäischen Maßstabs wird. Denken Sie, dass wir uns diesem Ziel langsam nähern? Oder habe ich damals zu hoch gegriffen? Der Heilige Berg nimmt ganz sicher unter den Wallfahrtsorten in der Tschechischen Republik einen vorderen Platz ein. Das kann man schon allein an den Bussen erkennen, die besonders in der Saison auf dem Parkplatz unter dem Heiligen Berg zu sehen sind. Es ist bekannt, dass vor der Teilung der Republik Wallfahrten aus der Slowakei organisiert wurden. Heute ist diese Beziehung zum Heiligen Berg grenzübergreifend. Eine sehr lange Tradition haben auch Pilgerfahrten aus Bayern. Man kann also zusammenfassend sagen, dass der Heilige Berg nicht nur für uns von Bedeutung ist, sondern auch für die Menschen hinter der Grenze. Natürlich könnte man heute, in einer Zeit, in der der Tourismus seit weit entwickelt ist und die Menschen mobil sind, sagen, dass sich dieser grenzübergreifende Charakter noch intensivieren ließe. Es sollte Aufgabe des Heiligen Berges und der mit ihm verbundenen Wallfahrtsorte sein, ein bisschen Werbung für Pilgerfahrten zu machen. Ich denke, dass Pilgerfahrten ein geistliches Ereignis sind, zu denen der Menschen von heute, also der Christen von heute, einen Bezug hat. Wir kennen das auch von den Aktivitäten der Jugendlichen – sie pilgern gern. Ich denke, dass auch ältere Menschen gerne Wallfahrtsorte besuchen, wenn auch nicht zu Fuß. Das hängt damit zusammen, dass die Menschen die Abwechslung mögen und vielfältige geistliche Erlebnisse suchen. Ich meine jedoch, dass gleichzeitig mit der Erweiterung der Aktivitäten, mit den Einladungen und der Propagierung der Wallfahrtsorte auch darüber nachgedacht werden sollte, wie die Programme dieser Orte besser organisiert werden können, damit es nicht zu einem einzigen Reigen von Gottesdiensten wird, nachmittags der Segen und das war’s. Es sollte dort auch einen geistlichen Service geben, als weiteres Angebot, das weitere Pilger und Besucher anlocken könnte. Die Wallfahrtsorte sollten in viel größerem Maße geistige Zentren sein. Natürlich, die Grundlage ist, dass die Leute als Wallfahrer kommen, die Beichte ablegen und an der heiligen Messe teilnehmen. Aber das Angebot eines Wallfahrtsortes sollte viel breiter sein.  Ich persönlich sehe kein Problem im Angebot, sondern in der Nachfrage. Manche Leute kommen auf den Heiligen Berg und wollen im Grunde gar nichts, oder wissen nicht, was sie wollen. Andere wiederum folgen einem Bekannten, und sind desillusioniert, wenn es anders ist, als erwartet. Diese Leute wollen nichts anderes als die Beichte und die heilige Messe. Für mich stellt sich die Frage, wie man den Appetit und das Interesse an einem bunteren Programm wecken kann. Etwas zu machen, ist dann nicht mehr so schwer. Wir beide wissen gut: wenn es Pilgerfahrten mit einem bestimmten Thema gibt, z.B. die geistliche Berufung oder die Familie, dann kommen die Menschen und haben Interesse an einem bunteren Programm. Man sollte also vielleicht darüber nachdenken, ob man nicht einmal im Monat oder auch öfter ein solches interessantes Thema anbieten könnte. Das bedeutet nicht, zur heiligen Messe andere Aktivitäten hinzuzufügen. Es geht eher darum, starke Themen anzubieten. Ich bin der Meinung, dass Wallfahrtsorte nicht nur die Funktion haben sollten, die geistigen Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Sie sollten auch Orte sein, an denen das christliche Leben geformt wird. Und hier gibt es Änderungsbedarf. Wir dürfen nicht bei der Befriedigung der religiösen Bedürfnisse der Menschen stehen bleiben, sondern wir müssen die Menschen weiter führen. Ich denke, es ist gut und schön, dass es auf dem Heiligen Berg ein Museum gibt. Es ist zwar nicht groß, aber relevant. Zurückzublicken, unsere Wurzeln und unsere Vergangenheit kennen zu lernen ist nämlich gut und sehr nützlich. Letztendlich ist das nichts Neues. Der Kreuzgang ist bereits mit Malereien verziert, die ganze Jahrhunderte der Geschichte des Heiligen Berges darstellen. Dies sind gute Momente des geistlichen Angebots. Zur Gestaltung der Programme: Auch Musik besitzt eine anziehende Wirkung. Es ist gut, wenn es an den Wallfahrtsorten einen Chor gibt. Auch ist eine interessante und exemplarische Liturgie vonnöten. Ebenso können Gespräche und Treffen, seien sie mit dem Bischof oder mit anderen Persönlichkeiten, einen wichtigen Platz bei der Formung einnehmen. Ja, wir haben versucht, etwas in dieser Richtung zu tun. Wir haben die geistliche Erneuerung in der Fastenzeit und im Advent eingeführt. Das Problem ist jedoch, dass die Menschen im Jahr 2000 nicht in die Basilika gepasst haben, und heute kommen kaum noch fünfzehn Leute zusammen. Und dabei denke ich nicht, dass die Qualität gesunken ist. Ich leite daraus ab, dass sich die Bedürfnisse der Gläubigen, also die Nachfrage im besten Sinne des Wortes, ändern. Haben auch Sie eine Veränderung in den letzten fünf Jahren ausmachen können? Ich könnte nicht mit Sicherheit sagen, dass in so kurzer Zeit irgendwelche schwerwiegenden Veränderungen vor sich gegangen wären. Ich kann nur sagen, dass verschiedene Treffen und Gespräche von den Menschen besser angenommen werden. Ich denke, und das könnte die Antwort auf deine Frage sein, dass sich die Menschen auf neue Sachen stürzen. Weil sie aber oft nur einen kurzen Atem haben, ist es mit ihrer Begeisterung schnell vorbei.Vielleicht wäre es gut, wenn die Priester in den Pfarreien mehr zusammenarbeiten und die Programme der einzelnen Gemeinschaften koordinieren würden. Wenn die Priester die Menschen zu geistigen Erneuerungen schicken würden, wenn diese ausgeschrieben werden. Die Leute können sich nämlich oft nicht von selbst entscheiden, sie brauchen den notwendigen Impuls vom Priester. Das stimmt. Aber ich beobachte hier und da, dass die Pfarrer einen Wallfahrtsort als weitere Pfarrei begreifen, und manchmal habe ich den Eindruck, als würden ihnen die Aktivitäten am Wallfahrtsort wie eine Einschränkung ihrer eigenen Tätigkeiten vorkommen. Ich wollte eigentlich sagen Konkurrenz, aber das ist ein zu starkes Wort. Es ist einfach so, dass jeder Pfarrer in gutem Glauben alle Aktivitäten bei sich in der Pfarrgemeinde haben will. Und so kommt es, dass sich einige Veranstaltungen überschneiden und die Leute nicht wissen, wo sie hingehen sollen. Wo sehen Sie hier die Lösung? Die Koordination ist natürlich ganz wichtig. Aber nicht alles lässt sich koordinieren, weil es so viele Aktivitäten in den Pfarrgemeinden und Diözesen gibt, dass man sie unmöglich in einen idealen Zeitplan pressen kann. Die Diözese könnte jedoch bei der Planung helfen, damit klar ist, welche Veranstaltungen wo stattfinden. Es gibt auch die Website des Erzbistums, und es würde helfen, wenn die Priester sie stärker nutzen und ihre Veranstaltungen darauf anzeigen würden. Das wäre bereits eine Hilfe bei der Planung. Der erste Einwand, den du erwähnt hast, gilt leider für einige Priester. Sie verstehen die Pfarrei als ihr Eigentum, ihnen fehlt ein Herz für die breitere Kirche. Solche Priester können das als Konkurrenz verstehen. Sie denken, was sie ihren Pfarrkindern geben, muss ihnen reichen. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Priester, und ich bin außer Stande zu sagen, ob es viele oder wenige sind, die froh sind, wenn die ihnen anvertrauten Gläubigen auch mit Hilfe von anderswo geformt werden. Wir müssen einfach Geduld haben und die Pfarrer und Gläubigen dahingehend erziehen, dass ein Angebot ein Angebot ist und keine Konkurrenz. Ich denke noch, dass ein Wallfahrtsort auch eine evangelisierende und karitative Dimension hat. Aber es ist schwer, diese zu definieren. Die karitative Dimension kann ich mir nicht so richtig vorstellen. Ich denke, dass wir sie so verstehen könnten, dass die Menschen an den Wallfahrtsorten eher bereit sind, ein persönliches Opfer zu bringen, ein Geschenk zu machen. Die Wallfahrt könnte eine gute Gelegenheit sein, irgendeiner guten Sache zu helfen. Vielleicht ließe sich die karitative Dimension ja so beschreiben: den Menschen die Möglichkeit geben, sich am Wallfahrtsort zuhause zu fühlen. Eine moderne Zivilisationskrankheit ist zweifelsohne die Obdachlosigkeit. Aber ich würde sagen, auch viele, die ein Dach über dem Kopf haben, sind obdachlos, weil sie auf irgendeine Art einsam sind. Sie sind Opfer des Individualismus, ob nun aus eigener Schuld oder durch ein Zusammentreffen von Umständen. Der Wallfahrtsort könnte ein offener Ort für alle sein. Ich kann mich noch an die Wallfahrten meiner Jugend in den fünfziger Jahren erinnern, als wir zu Fuß zum Heiligen Berg wanderten. Gegen acht Uhr abends trafen wir uns auf der Rennbahn in Chuchle. Von dort aus wanderten wir mit nur einer kurzen Pause in Voznice bis zum Heiligen Berg. In Voznice kamen wir vor Mitternacht an. Damals gab es noch das eucharistische Fasten ab Mitternacht, also aßen wir dort zum letzten Mal und pilgerten weiter.  Auf dem Heiligen Berg kamen wir zur ersten heiligen Messe an und empfingen die Kommunion. Dann aß jeder von uns ein Stück Wallfahrtsbrot, wir legten uns unter die Bäume, machten ein Nickerchen, und danach redeten wir. Oder wir beteten gemeinsam. Und obwohl wir in der Nacht einen langen Weg zurückgelegt hatten, sprachen wir über geistliche Themen. Beim Essen wurde dann verteilt, was jeder mitgebracht hatte, und zwischen uns entstand eine echte Gemeinschaft. Was uns verband war der Geist, aber auch der eine oder andere Leckerbissen. Dieser Moment der Gemeinschaft, dieses Zusammengehörigkeitsgefühl, war für uns in der Zeit des Kommunismus, als keine Zusammenrottungen geduldet wurden, sehr wichtig. Auch heute noch erinnern sich viele Leute gerne daran. Wenn ich heute daran denke, erinnere ich mich nicht nur an die abenteuerliche Wanderung, an die geistliche Erfahrung, sondern auch an das Gefühl, ein Zuhause, eine Familie zu haben. Ich weiß nicht, vielleicht sollten ja die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass sich die Menschen aus einer Pfarrei auf der Wallfahrt treffen und zusammen reden können, weil sonst nicht genügend Zeit dafür ist. Wir sind Missionsgebiet. Die moderne Mission sollte total sein, das heißt, sie sollte den ganzen Menschen formen, nicht nur seine geistliche Seite. Es muss losgehen bei der Formung des Menschen, auch eine kulturelle Formung, die Empathie des Priesters gegenüber modernen Problemen wie etwa Arbeitslosigkeit usw. wird vorausgesetzt. Mir scheint, dass die Wallfahrtszentren und die Gemeindezentren in dieser Aufgabe Geschwister sind. Ich denke, das stimmt. Natürlich gibt es hier einen Unterschied, da ein Wallfahrtsort Anlaufpunkt für mehr Menschen ist. Dorthin kommen Leute, die nicht dort wohnen, während sich in den Gemeindezentren Menschen aus dem Gebiet einer oder mehrerer Pfarrgemeinden treffen. Die Gemeindezentren sind ein Phänomen unserer Zeit. Sie machen die Pfarrei zum Treffpunkt, wo man einen Kaffee trinken und zusammen reden kann. Dort treffen sich auch Leute, die z.B. nicht in die Kirche gehen, sich aber im Zentrum treffen können. Das Zentrum ist offen für das ganze umliegende Viertel und auch für die sozialen Bedürfnisse unserer Zeit. In den Gemeindezentren gibt es oft auch Programme für allein erziehende Mütter, für Behinderte, hier ist die Wohlfahrt tätig u.ä. Ich denke, eine gute Pfarrei sollte heutzutage ein eben solches Zentrum sein. Sie sollte im Grunde offen sein für alle. Damit haben wir bereits Erfahrungen gesammelt. Das erste Gemeindezentrum, das wir in Stodůlky, also in Nové Butovice gebaut haben, hat unsere Idee voll und ganz bestätigt. Heute wissen wir, dass wir das Zentrum größer hätten bauen sollen, weil es heute kaum noch ausreicht. Später entstand dann das Seelsorgezentrum in Dobříš, und heute bauen wir ein großes Zentrum in Chodov.In 50 Jahren Kommunismus sind um Prag herum riesige Plattenbausiedlungen entstanden, die manchmal über tausend Einwohner haben. Die Kommunisten dachten dabei nie an eine Kirche, nicht mal einen zentralen Platz planten sie ein. Es wurden Plattenbauten errichtet, Arbeiterschließfächer, Schlafstädte. An eine Art Zentrum oder gesellschaftliches Leben war dabei nicht zu denken. Diese Plattenbausiedlungen zeigen den Kommunismus und seine Ideen sehr konkret und anschaulich. Es ging nicht darum, die Menschen zusammen zu führen. Ganz im Gegenteil, jeder sollte schön für sich alleine wohnen und keinen großen Kontakt zu den anderen haben. Irgendein Zentrum, oder eine Kirche, das wäre eine Abweichung von der Ideologie gewesen. Wir stehen jetzt vor der Situation, dass wir in diese Viertel eine Art Zentrum hineinsetzen wollen. In Chodov haben wir begonnen, ein großes Zentrum zu bauen. Die Vorsehung hat es gut mit uns gemeint und uns ein Gelände von einer im Ausland lebenden Frau beschert. Diese besaß hier ein paar Grundstücke, und weil sie sich im Besitz einer Privatperson befanden und nicht verstaatlicht waren, hat sie der Staat nach dem Fall des Kommunismus restituiert und wir konnten sie kaufen. Den Bau dieses Zentrums erachte ich als so etwas wie den „Schwanengesang“ meiner Amtszeit, die sich ja dem Ende zuneigt. Mit 75 Jahren stellt jeder Bischof sein Amt dem Papst zur Verfügung, und bei mir wird es im nächsten Jahr soweit sein. Ich muss zugeben, dass ich hier gerne so ein Denkmal aufstellen und der Diözese dieses Zentrum hinterlassen würde. Auf meine alten Tage bin ich zum Bettler geworden. Ich gehe von Haus zu Haus oder eher von Sponsor zu Sponsor, und bettle. Ich bin überzeugt, dass es am Ende gelingen wird. Die Vorsehung hat uns von Anfang an begleitet und ich glaube, dass das bis zum Ende so sein wird. Ich möchte noch eine kleine Anekdote zum Besten geben. Bereits vor fünfzehn Jahren sprach man davon, dass in Chodov eine Kirche fehlt. Die Leute haben für eine Lösung dieser Situation gebetet. Eines Tages ging eine Gruppe von Menschen aus eben jener Pfarrei mit ihrem Pfarrer an der Spitze freie Grundstücke ab. Sie suchten einen Platz, an dem die Kirche stehen könnte. Ohne etwas zu ahnen, legten sie nach dem Vorbild von Mutter Teresa die Medaille mit der Jungfrau Maria an eben der Stelle in die Erde, an der heute gebaut wird. Später haben wir das Grundstück gekauft und heute entsteht dort das Zentrum „Mutter Teresa“.  Es wird die erste Kirche in unserem Land, ja vielleicht sogar in ganz Europa sein, die Mutter Teresa geweiht ist.  Gestern bin ich zur Wohlfahrt gegangen und habe die St. Ludmila Kirche gesehen. Und da habe ich mir gesagt, vor 100 Jahren erlebte Prag einen ähnlichen Bauboom wie heute. Damals wurde ein richtiger Kranz von Kirchen errichtet: Vinohrady, Smíchov, Karlín, Žižkov, Holešovice. Wie schätzen Sie das nach 120 Jahren ein? War das Vorsehung? Sind diese Kirchen dort, wo sie sein sollten?In der Geschichte von Prag wurden die Kirchen ganz eindeutig ohne große Weitsicht erbaut. Das Mittelalter war eine Zeit, in der man insbesondere statische Überlegungen anstellte. An irgendeine Planung und an die Zukunft dachte man bis auf einige Ausnahmen nicht. Als im 19. Jahrhundert in den Randgebieten Prags neue Viertel entstanden, entstanden auch neue Kirchen. Der Begriff „Kirchenkranz“ entstand im 20. Jahrhundert. Nach dem Abriss der Mariensäule auf dem Altstädter Ring hatte der damalige Bischof Podlaha die Idee, einen Kranz von Kirchen um Prag zu errichten, ähnlich dem Sternenkranz der Jungfrau Maria. Da bald darauf der Zweite Weltkrieg ausbrach, wurde nur der Torso des Projekts verwirklicht. Es entstand nur die Kirche in Lhotka und das Pfarrhaus mit der Kapelle Mariä Unbefleckte Empfängnis in Strašnice. Diese Kirchen wurden damals wirklich am Rande von Prag erbaut, auch wenn es heute schon lange kein Rand mehr ist. Der Gedanke, Kirchen in den Randvierteln zu bauen, war richtig und vorausschauend. Heute müssen wir weiter gehen. Neben der Kirche müssen wir auch das gesamte Umfeld aufbauen, weil es in den heutigen Vorstädten fast nichts gibt. Früher, etwa zur Zeit der „ersten Republik“, entstanden Kirchen, die man als architektonische Meisterwerke bezeichnen kann: die Kirche zum göttlichen Herzen Jesu im Stadtteil Vinohrady, St. Wenzeslaus im Stadtteil Vršovice oder St. Johannes Nepomuk im Stadtteil Košíře. Sind Sie der Ansicht, dass wir heute abschätzen können, ob das, was heute gebaut wird, auch so ein Meisterwerk sein wird? Muss eine Kirche heute überhaupt ein Meisterwerk sein, sollte sie nicht eher nur ein Zweckbau sein? Natürlich wollen wir, dass die Dinge Gottes praktisch sind, aber auch schön. So war es in der Geschichte immer: die Kunst stand im Dienste Gottes. Darum bemühen wir uns auch heute. Ich kann nicht mit ausreichender Sicherheit beurteilen, ob die heutigen Kirchen einmal als Meisterwerke erachtet werden. Aber das Bemühen darum ist auf jeden Fall da.  Wenn wir uns einmal die Kirchen anschauen, die im 19. und 20. Jahrhundert errichtet wurden, dann sind das monumentale Bauwerke. Die zwei modernen Kirchen, die in den letzten 15 Jahren gebaut wurden, strotzen nicht gerade vor Monumentalität. Ist das Absicht, oder wird hier aus der Not eine Tugend gemacht? Sicher spielen beide Gründe eine Rolle. Heute – wie auch früher – werden Kirchen gebaut, um den Bedürfnissen zu entsprechen. Vielleicht wird es in Zukunft einmal notwendig sein, die eine oder andere Kirche zu erweitern oder eine neue zu bauen, aber jetzt gehen wir davon aus, was für uns betrieblich und wirtschaftlich möglich ist. Zudem haben wir es heute nicht so mit der Monumentalität und kämpfen als Christen eher um unseren Platz an der Sonne. Und dem entspricht auch der architektonische Ausdruck. Sie haben über ihren Schwanengesang gesprochen. Sicher ist es für eine Bestandsaufnahme noch zu früh. Dennoch möchte ich mit Ihnen einmal Rückschau halten auf die vergangenen Jahre. Wenn Sie die Möglichkeit gehabt hätten, alle Ihre Vorstellungen zu verwirklichen, ohne persönlichen und finanziellen Einschränkungen unterworfen zu sein, wie würde die Prager Erzdiözese heute aussehen? In diesen Kategorien denke ich natürlich nicht, das sind nur Hypothesen. Aber sicherlich würde ich darauf Wert legen, dass in den Pfarrgemeinden weitere Möglichkeiten entstehen. Besonders würde ich mir wünschen, dass wir die Gläubigen formen, und „Former“ zu haben, die wir bezahlen können. Diese würden dann z.B. viel mehr in den Pfarrgemeinden helfen, insbesondere dort, wo es keinen Priester gibt. Aber das ist wirklich eine Frage des Geldes und auch der Berufungen, bzw. eine Frage des „was wäre wenn“. Ich denke, es gibt eine Menge Leute, die bereit wären, zu studieren, und die wir bei der Formung und beim Studium unterstützen könnten. Und später könnten wir sie bezahlen. Auch könnte man die Idee eines geistlichen Zentrums weiterführen, das nicht vom Priester abhängen sondern von zwei oder drei Seelsorgehelfern geführt würde, die wir bezahlen könnten, die eine Ausbildung hätten. So könnten wir die Arbeit verteilen. Dann wäre die Evangelisierung nicht nur Aufgabe des Priesters, sondern er hätte Mitarbeiter, die ihn unterstützen würden. Wenn wir genügend Geld hätten, dann ließen sich viel mehr Veranstaltungen zur Evangelisierung und Präevangelisierung organisieren. Es hängt jedoch nicht nur vom Geld ab, sondern auch von der Formung der Menschen. Und die Formung ist ein organischer Prozess, das bedeutet, er muss langsam wachsen. Es geht bei weitem nicht nur um die Bildung. Es gibt noch eine dritte Dimension, an der es fehlt – die Zeit. Haben Sie nicht das Gefühl, dass sich die Priester, die in der Kirche „die Richtung angeben“, nur auf der Oberfläche bewegen, weil das Tempo der Zeit so furchtbar schnell ist, und so verlockend. Die Versuchung, in den Fluss der Oberflächlichkeit zu treten – da wird manchmal ein großer Fehler gemacht. Sicher. Das Tempo ist verlockend, aber für die Priester muss ich Partei ergreifen. Sie sind gehetzt, weil sie sehen, was alles getan werden müsste, und das übt einen gewissen Druck auf sie aus. Wenn mehr Leute eingesetzt werden könnten, man im Team arbeiten könnte, dann würden die Priester nicht von dem gehetzt, was sie alles schaffen müssen.  Dazu kommt, dass die Seelsorge für die Priester manchmal nicht gerade erbaulich ist. Um es mal mit einem Sprachkurs zu vergleichen, wir Priester halten eigentlich einen ständigen Anfängerkurs ab. Es scheint mir, dass diejenigen verlassen sind, die diesen Anfang bereits hinter sich gelassen haben, und für die es niemanden gibt, der sich ihnen darüber hinaus widmen kann. Also sozusagen eine Formung für Anspruchsvollere oder Fortgeschrittene. Selbstverständlich muss die Formung systematisch sein. Nicht nur Anfänger, Kinder, sondern auch eine Katechese für Fortgeschrittene. Die Formung sollte bereits bei der Erteilung der Sakramente, bei der Taufe von Kindern und Erwachsenen und bei der Vorbereitung auf die Firmung beginnen. Für Fortgeschrittene ist dann ein Studium an der theologischen Fakultät eine weitere Möglichkeit. Nicht nur als Vorbereitung auf die Arbeit in der Kirche, sondern einfach als Selbstbildung und Formung. Dort hinkt die Formung noch einigermaßen, aber wir sind eingeschränkt durch unsere Möglichkeiten. Wir sitzen in Ihrer Wohnung. Sie haben hier einen schönen Blick auf Prag. Man sagt, dass der Priester für alle Menschen in seiner Pfarrgemeinde verantwortlich ist, nicht nur für diejenigen, die in die Kirche gehen. Als Bischof einer über zwei Millionen Menschen zählenden Diözese haben Sie eine riesige Verantwortung. Wie ist Ihnen zumute, wenn Sie aus dem Fenster schauen? Wenn ich denken würde, dass diese Verantwortung nur auf mir lastet und es nur auf mich ankommt, das wäre furchtbar. Als Bischof versuche ich, es wie der Hl. Paulus zu sehen, der da sagte: Ich tue alles, was ich kann, aber Gott schenkt Gnade, das ist für mich tröstend und gibt mir Ruhe. Auf der anderen Seite besteht die Gefahr, sich der Gleichgültigkeit hinzugeben, und zu sagen: ich vermag sowieso nichts, da kann man nichts machen, Herrgott, es ist deine Sache. Das wäre auch nicht gut. Ich muss eine gewisse Verantwortung und Last spüren, und auch einen gewissen Schmerz. Auf der anderen Seite darf ich aber die Hoffnung und das Vertrauen in die Macht Gottes nicht außer Acht lassen. Darauf verlasse ich mich und versuche, hinter allem die rechte Hand Gottes zu sehen. Manchmal neigen wir dazu, bestimmte negative Erscheinungen zu verallgemeinern und zu sagen, dass alles schlecht ist. Ich persönlich versuche, zu unterscheiden, und auch das Gute zu sehen, wie es in der Heiligen Schrift steht: Seht, ich schaffe Neues, schon sprosst es, merkt ihr es nicht? Und so bemühe ich mich, auch die neuen Sachen zu sehen und das Positive, was Gott bewirkt, und daran erfreue ich mich. Wenn ich aus dem Fenster des Erzbistums schaue, dann segne ich oft morgens oder abends diese Stadt und meine Diözese.  Jeder Bischof hat seinen Leitspruch. Ihr Leitspruch lautet: „Dass alle eins sein mögen.“ Wie verstehen Sie diesen Leitspruch? Haben Sie ihn, weil Sie sich etwas auf die Fahnen schreiben mussten, oder ist das wirklich Ihr Lebensmotto? Verstehen Sie ihn als Aufgabe? Wie haben Sie ihn im Laufe Ihrer Amtszeit als Bischof erfüllt? Also, diesen Leitspruch habe ich mir nach dem Vermächtnis Jesu ausgesucht. Wenn Jesus in den letzten Augenblicken seines Lebens für die Einigkeit gebetet hat, dann leite ich daraus ab, dass das wahrscheinlich das Wichtigste war, was ihm am Herzen lag. Letzten Endes sehen wir auch in der Praxis, wie schwer und schmerzlich sich die Uneinigkeit auf die Kirche oder die Kirchen auswirkt. Man würde heute eine ganz andere Geschichte schreiben, wenn wir Christen geeint wären. Es waren also diese Motive, die mich dazu veranlassten, mir dieses Motto auf die Fahnen zu schreiben.Wie dies zu verwirklichen ist? Das Wort Einigkeit ist ein großes Wort, aber die Einigkeit muss von ganz unten aufgebaut werden. Daran ist mir sehr gelegen. Vielleicht haben ja die Leute den Eindruck, dass ich mich ständig wiederhole, wenn ich von gegenseitiger Liebe spreche und davon, dass Jesus mitten unter uns ist, aber das ist in meinen Augen der einzige Weg. Er ist derjenige, der eint. In diesem Geiste und in diesem Sinne muss ich leben und sprechen. Das erachte ich einfach als meine Pflicht. Den Effekt und die Früchte dessen überlasse ich dem Herrgott.  In diesem Jahr wird auf der ganzen Welt der 250. Geburtstag von Wolfgang Amadeus Mozart gefeiert. Über ihn ist bekannt, dass er gerne nach Prag kam und einmal gesagt hat: „Meine Prager verstehen mich.“ Um diesen Ausspruch zu paraphrasieren – denken Sie, dass Sie von Ihren Pragern verstanden werden? Ich lasse keine Analysen über meine Beliebtheit durchführen. Statistisch kann ich das also nicht beurteilen. Ich kann das nicht so einfach sagen wie Mozart, weil es etwas anderes ist, Musik anzunehmen, als die Musik des Evangeliums und die Harmonie der Botschaft des Evangeliums anzunehmen. Das sind zwei verschiedene Sachen, die sich nur schwer vergleichen lassen. Ich denke jedoch, dass nicht wenige Menschen verstehen, worüber ich spreche und woran mir gelegen ist. Ich beobachte das häufig bei den Gesprächen mit den Gläubigen nach der heiligen Messe. Natürlich verstehe ich, dass es wichtig ist, zwischen denen zu unterscheiden, die begeistert sind und mich loben und denen, die das, was ich sage und verkünde vielleicht verstehen, es mit dem Herzen bejahen, aber nach außen hin nichts sagen. Auch gibt es sicher nicht wenige, denen mein Weg und meine Richtung nicht gefallen, die sich nicht angesprochen fühlen. Dafür gefallen ihnen andere Sachen. So ist es nun einmal in der Kirche. Als Jesus, der Herr, am Kreuz war, war er am höchsten und am einsamsten. Je höher der Mensch steht, umso einsamer ist er auch. Fühlen Sie diese Einsamkeit? Und falls ja, wie gehen Sie mit ihr um? Das können wir aber auch von der anderen Seite aus betrachten. Wenn der Mensch höher steht, dann ist er auch näher an Gott. Als Christus am Kreuz war, war er dem Vater am nächsten, auch wenn er rief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“, weil er wusste, dass er so den Willen des Vaters erfüllt. Aber damit möchte ich nicht den Ausruf von Jesus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ abtun. Es stimmt, dass sich ein Pfarrer im Böhmerwald in einer anderen Situation befindet. Dort steht der Pfarrer den Menschen nahe und hat die Pfarrgemeinde wie eine Familie um sich. Das ist viel befriedigender als in der Position eines Bischofs zu sein, der diese tägliche Familie, diesen täglichen Kontakt eigentlich nicht hat. Umso mehr drängt es einen dazu, beim Herrn Zuflucht zu nehmen, der der Herr des Weinbergs ist. Ich muss sagen, dass diese Art der Einsamkeit für mich relativ schwer zu ertragen ist. Es ist ein Leben, das viele verschiedene Aufgaben und Pflichten mit sich bringt, die einen manchmal fast auffressen, und bei dem man vom ganz konkreten geistigen Leben der Menschen weit entfernt ist.  Wenn ich einmal ehrlich bin, das ist Ihnen deutlich anzusehen. Sobald Sie unter Menschen sind, insbesondere in einer kleineren Gruppe, leben Sie auf wie ein Fisch im Wasser.  Das stimmt, das weiß ich. Jeder Priester und Bischof ist gleichzeitig Hirte, also jemand, der für seine Schäfchen bis ans Ende der Welt gehen sollte. Er ist aber auf eine Art auch ein Manager, ein Chef, der führen und entscheiden muss. Das ist wahrscheinlich ein Widerspruch und ein Schmerz. Wie gehen Sie damit um? Darauf habe ich eigentlich schon mit einer vorhergehenden Antwort reagiert. Das Problem, das du angedeutet hast, wird dadurch vereinfacht, dass jeder Bischof und Priester auch eine Gruppe von Beratern hat. Dadurch, dass ich noch zwei Weihbischöfe und den Bischofsrat habe, kann ich die Entscheidungsfindung auch in gewissem Maße auf meine Mitarbeiter übertragen. Auch ein Erzbischof kann heute nicht mehr allein und von oben herab entscheiden. Ich meine eher den inneren Konflikt des Menschen, dessen Hand segnet und manchmal auch bestrafen muss. Das verursacht bestimmt manchmal Schmerzen. Gewiss, das schmerzt manchmal, aber es versteht sich ja von selbst, dass die Barmherzigkeit mit Gerechtigkeit verbunden sein muss. Diese beiden Dinge zu verbinden ist nicht immer leicht. Einen Konflikt anzugehen ist schwer. Ich gehöre eher zu den Menschen, die Konflikte nicht mögen. Ich lächle lieber. Aber manchmal muss es eben sein. Mit dem Kardinal Miloslav Vlk sprach P. Stanislav Přibyl, CSsR  Wenn Sie für den Bau des Gemeindezentrums „Mutter Teresa“ spenden möchten, verwenden Sie bitte die beiliegende Zahlungsanweisung oder spenden Sie per Banküberweisung auf das Konto des Stiftungsfonds von Kardinal Miloslav Vlk, 369369369/0800, IBAN: CZ36 0800 0000 0003 6936 9369, SWIFT CODE: GIBA CZ PX, Kontaktperson für weitere Informationen zum Projekt: Mgr. Vladimír Málek +420 602 379 861.                                                                                           Ihre Spende für den Bau des Gemeindezentrums „Mutter Teresa“ können Sie von der Steuer absetzen. Auf Wunsch stellen wir Ihnen gerne eine Bestätigung über die Spendenannahme aus.

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