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16. srpna 2007

Predigt von Joachim Kardinal Meisner während des Hochfestes der Aufnahme Mariens in den Himmel

Kardinál Joachim Meisner - oficiální portrétGottes Weg in die Welt führt über Maria: Das ewige Wort des Vaters, Jesus Christus, ist Fleisch geworden aus Maria, der Jungfrau. Der Weg des Menschen zu Gott kann darum an Maria nicht vorübergehen.

 

Ja, der Weg des Menschen zu Gott führt ebenfalls über Maria: „Der dich, o Jungfrau, in den Himmel aufgenommen hat", bekennen wir am heutigen Festtag. Maria ist eine von uns. Sie ist unsere Schwester. Sie ist ein Mensch und nicht Gott. Sie ist ein Glied unserer einen Menschheitsfamilie. Was Maria als Erster widerfährt, betrifft darum uns alle. "Wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm" (1 Kor 12,26), sagt der Apostel Paulus.

In den vergangenen Jahrzehnten der großen Menschenverachtung hat uns Maria die Selbstachtung bewahrt. Davon geben gerade die großen Marienwallfahrtsorte in Mittel- und Osteuropa Zeugnis. Der Engel sagt zu Maria: "Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir" (Lk 1,28). Und zu uns sagt Gott durch den Propheten in ähnlicher Weise: "Ich habe dich beim Namen gerufen, du gehörst mir!" (Jes 43,1). Wir wussten damals: Nicht gesellschaftliche Akzeptanz oder parteipolitisches Wohlverhalten geben dem Menschen Würde und Ansehen, sondern dass er von Gott gewollt, geliebt und akzeptiert wird. Maria wurde für uns voll der Gnade, denn Gott bewahrte sie für uns von aller Sünde, sodass Jesus Christus, Kardinal Meisner predigtder Sohn des lebendigen Gottes, in ihr durch den Heiligen Geist Mensch werden konnte und uns allen zum Bruder wurde. Darin liegt ja letztlich unsere Würde begründet, dass wir Brüder und Schwestern Christi und dadurch mit Gott wirklich verwandt sind. Maria wurde für uns voll der Gnade, damit wir Kinder der Gnade sein können. Durch Maria wurde Gott Mensch, d.h. aber auch, dass Maria ihren Sohn allen Menschen, Völkern und Nationen nahe brachte. Von Jesus heißt es: "Er kam in sein Eigentum" (Joh 1,11). Darum ist Maria mit Christus in Tschechien zu Hause. Sie ist in Svata Hora den Tschechen eine Tschechin geworden, so wie sie in Tschenstochau den Polen eine Polin wurde oder in Altötting den Deutschen eine Deutsche. Maria ist eine von euch. Dafür steht ihr Haus hier in Svata Hora in eurem großen Wallfahrtsort, an dem sich seit Jahrhunderten das Volk Gottes um Maria in Tschechien versammelt.

Vom Kreuz herab sagt Jesus zu Johannes: "Siehe, deine Mutter!" und dann heißt es: "Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich" (Joh 19,27). Die katholischen Tschechen nahmen Maria hier in Svata Hora in das Haus ihres Volkes auf. Die Muttergottes ist den Tschechen nicht fremd, und ihr seid der Gottesmutter nicht fremd. Sie stand euch in der bedrängten Geschichte eures Volkes immer zur Seite. Sie stand im-mer auf eurer Seite. In dem vergangenen 20. Jahrhundert hat sie eure Würde als Kinder Gottes verteidigt, als man euch nur noch als Arbeits-kräfte und Funktionäre verplant hatte. Maria zeigt uns, dass wir nicht nur Kinder Gottes heißen, sondern es wirklich sind. Bei der Hochzeit in Kana entdeckt sie als Erste den Mangel der Gastgeber und weist ihren Sohn auf diesen Mangel hin, indem sie sagt: "Sie haben keinen Wein mehr!" (Joh 2,3). Wie damals in Kana, so ist sie die große Nothelferin eures Volkes in Vergangenheit und Gegenwart. Und sie wird es auch in Zukunft sein, denn im Hinblick auf die Leiden eures Volkes sagt sie dem Herrn: "Sie haben keinen Wein mehr" und vielleicht heute: Sie haben keinen Glauben mehr, keine Liebe mehr, keine Hoffnung mehr, keine Solidarität mehr. Und wie damals in Kana, so vermag Maria auch heute und in Zukunft das Herz ihres Sohnes zu euren Gunsten zu bewegen: Er vermag auch heute noch, Wasser in Wein zu verwandeln, Verlust in Ge-winn, Verzweiflung in Hoffnung, Minus in Plus.

2. Auch der Weg des Menschen zu Gott führt über Maria: Sie geht nach ih-rem Tod direkt zum Vater. Wer sich - wie Maria - Gott ganz übergeben hat, der wird von Gott auch ganz übernommen. Wir feiern heute, am Fest der Aufnahme der allerseligsten Jungfrau Maria in den Himmel, unsere eigene Zukunft. Gott spielt nicht mit uns, um uns dann fallen zu lassen. Wir fallen bei unserem Sterben wie Christus als Erster, wie Maria dann als Zweite, in die Hände Gottes. Und Gottes Hände sind immer gute Hände. Gott macht - wie Maria im Magnifikat singt - den Menschen groß. Gott erniedrigt und beleidigt den Menschen nicht. Nein, das macht nur der Mensch. Gott liebt uns und erhöht uns, wie Maria. Weil Maria uns erwählt hat und zu uns gehört, gehören wir zu ihr. "Der dich, o Jungfrau, in den Himmel aufgenommen hat." - So gilt auch für mich und dich: Der uns einmal in den Himmel aufnehmen wird.

Nur wer Gott kennt, der kennt auch den Menschen. - Und nur, wer um Maria weiß, der weiß auch um die persönliche Liebe Gottes zu jedem Menschen und der kennt dann auch den einmaligen Wert eines jeden Menschen. Nur wer den Himmel kennt, der kennt auch die Welt. - Er weiß, dass Gott die Welt im Schoß Mariens berührt hat. Nun ist der Pflug jedes Bauern, die Angel jedes Fischers, der Hammer jedes Arbei-ters, der Computer jedes Angestellten vom göttlichen Glanz des Mensch-gewordenen-Wortes erfüllt. Seitdem hat unser Dasein eine neue, eine göttliche Qualität erhalten. Wo man aber den Himmel nach oben gleich-sam luftdicht abgeschlossen hat, dort geht die Sonne auf Erden unter, dort verliert der Mensch seinen Glanz und die Gesellschaft ihre Lebens-qualität. Das weiß jeder, der den Kommunismus hier erleben musste.

3. Der innigste Wunsch Marias ist - wie der Wunsch einer jeden guten Mutter - dass ihre Kinder es einmal weiter bringen als sie Freudeselbst. Maria kennt keine größere Freude, als sich in unserem Leben ein wenig wieder zu erkennen, wie auch eine irdische Mutter keine größere Freude kennt, als im Leben ihrer Kinder vieles von sich selbst wieder zu erkennen. Ma-ria möchte uns dazu bringen, wie die Tischdiener in Kana zu sein, denen sie sagt: "Was er euch sagt, das tut!" (Joh 2,5), - also Täter des Wortes zu werden. Maria möchte uns dazu bringen, wie sie unter dem Kreuz auf Golgotha zu stehen, und wenn es sein muss, beim Herrn in seiner Todes-verlassenheit zu bleiben, der uns sagt: "Bleibt in meiner Liebe!" (Joh 15,9). - Maria möchte, dass der Herr mit uns rechnen und sich auf uns verlassen kann. - Maria möchte, dass wir zu Christus stehen, auch wenn es dunkel wird, wie am Karfreitag auf Golgotha. Wie die Urgemeinde von Jerusalem, die sich mit Maria, der Mutter Jesu im Abendmahlssaal versammelt hat, so sollen wir bei unseren Versammlungen Maria unter uns haben. Es ist geradezu eine Wesensbeschreibung der Kirche Christi, dass sie immer nur dann katholisch ist, wenn sie mit Maria, der Mutter Jesu, versammelt ist. Und Maria bringt uns immer Christus mit.

Hier in Svata Hora zeigt sich, dass ihr ganz und gar katholische Kirche seid, denn ihr seid versammelt mit Maria, der Mutter Jesu, an heiliger Stätte. Was Elisabeth zu Maria sagte: "Selig ist die, die geglaubt hat!" (Lk 1,45) - das darf ich heute zu euch sagen: "Selig ist die heilige Kirche in Tschechien, die an die Liebe Gottes geglaubt hat, auch in den dunkelsten Stunden, als die Gottesfinsternis über eurem Volk lagerte!" Wenn wir jetzt ein großes, einiges Europa werden sollen, dann liegt das Glück der Europäer nicht im Euro, nicht im Konsum, nicht in moralischer Beliebigkeit. In der Schrift steht nirgends: "Selig Europa, weil du hohe Produktionsziffern oder ein hohes soziales Einkommen aufzuweisen hast." Denn bei allem Wohlstand hat Europa zugleich die größte Zahl an Abtreibungen, Ehescheidungen, Familientragödien und Glaubensabfall zu registrieren. Bringt uns als Volk Gottes in Tschechien Maria in das gemeinsame Haus Europas mit, dann werdet ihr allen Europäern zum Segen sein! Wer ein wenig den Kampf um die zu erstellende europäische Verfassung kennt, der weiß, dass wir in Europa von einer Gotteskrise sprechen müssen, weil man einen Bezug zu Gott in dieser Verfassung nicht haben will. Aber einer Gotteskrise folgt unweigerlich eine Menschenkrise. Das wisst ihr doch hier vor Ort besser als die Westeuropäer.

Darum ist es ein Gebot der Stunde, dass wir - wie Maria - auf Gott hören, dass wir - wie Maria - ihn buchstäblich zur Welt bringen, ihn zur Sprache kommen lassen. Wir müssen uns der Begegnung mit dem lebendigen Gott öffnen. Marianische Menschen sind Vertraute Gottes. Für sie ist das Bekenntnis des dreieinigen Gottes und die vertrauensvolle Zuwendung zu ihm eine pure Selbstverständlichkeit. Und darum wissen sie auch eine kompetente Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens, gerade im Angesicht menschlicher Begrenztheit, namentlich im Angesicht des Todes. Wir feiern ja heute den Tod eines Menschen, der aber in der leibhaftigen Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott vollendet wird: "Der dich, o Jungfrau, in den Himmel aufgenommen hat" und "Der dich, o Jungfrau, im Himmel gekrönt hat". Gott ist also der, der sich zu den Menschen herabneigt und der die Menschen hinaufzieht zu sich selbst: in der Vergangenheit erstmalig bei Christus außer Konkurrenz, dann bei Maria aus Gnade, in der Gegenwart mit uns und in Zukunft schließlich mit unseren Kindern und Kindeskindern.

Maria ist unsere Mutter. Wir sind ihre Kinder, und ihre Freude ist erst dann vollkommen, wenn wir dort sind, wo sie ist. Darum gibt es keine intensivere Marienverehrung, als dass wir uns bemühen, so zu leben, dass auch wir in den Himmel zu Maria kommen dürfen, um dann wie sie auf immer bei Gott zu sein. Amen.

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